Montag, 20. Oktober 2014


8. Action Beat – Where are you? LP

Rostendes Metall als Versinnbildlichung der Dekonstruktion. Dem immerwährenden Zersetzungsprozess hat Sounds of Subterrania mit dieser Veröffentlichung Tribut gezollt. Rundherum, vorne wie hinten, Metall. Perfekt, denn der Noise-Rock der Briten beziehungsweise der Noise-Rock generell ist ja wie gemacht dafür. Mechanisch, metallisch, industriell, aber trotzdem spröde und zerbrechlich irgendwie. Nur den Mut, das so umzusetzen, den muss man erst einmal haben. Und das hat auch Konsequenten. Für den Konsumenten nämlich.  Dessen Auseinandersetzung mit dieser Veröffentlichung  gestaltet sich relativ zeitintensiv. Denn zunächst gilt es, die LP aus der starren Metallverpackung zu fingern. Diese ist im Inneren mit Teppich (hier vielleicht ansatzweise zusehen) ausgekleidet, die Platte sitzt relativ fest. Da braucht es Geduld und starke Finger. Deswegen auch Vorsicht, wenn man die Scheibe wieder in die Hülle zurückverfrachtet beziehungsweise schiebt.  Je  weiter man sie hineinschiebt, desto komplizierter wird, sie herauszubekommen. Immerhin macht es die PVC-Hülle in der sie steckt, etwas einfacher sie zu fassen. Hat man das gute Vinyl dann erst einmal draußen, geht es weiter mit dem Auspacken.  Die LP steckt nicht nur in der Plastik-Hülle, sondern ist auch noch in eine Folie eingeschweißt, die es noch zu öffnen gilt. Schließlich hat man es geschafft. Immerhin beschäftigt man sich so intensiv mit dem Medium. Eine Überdosis Haptik also, die es zwischendurch nötig macht - dank des Rosts -  sich die Hände zu waschen. Aus diesem Grund sollte man den Warnhinweis auf der Langrille nicht ignorieren. Das richtige Lagern sollte man ebenso überdenken. Sandwich-like in zwei Blatt Pappe verpackt steht  die LP bei mir im Regal, sodass andere Platten nicht mit dem Rost beschmutzt werden. Keine Frage, das Ding macht einen Heiden Spaß. Dennoch gibt es einen kleinen Kritikpunkt: Normalerweise liegt den Veröffentlichungen von Sounds of Subterrania ein Downloadcode bei. Hier allerdings nicht (vielleicht habe ich ihn ja auch nur noch nicht gefunden und er steckt innen drin noch fest). Angesichts des aufwendigen Auspackens der LP würde dieser aber besonders Sinn machen. Vielleicht ist das aber auch gerade der Kniff und  ein weiteres Kunst-Element: Damit man sich jedes Mal intensiv mit der Verpackung auseinandersetzt und nicht einfach drüber schludert und das Wesentliche, die fortschreitende Dekonstruktion einfach so übersieht.  Die rostbeschmutzten Hände erinnern einen so zumindest immer dran, dass da ein Sinn dahinter steckt. Das kann der Downloadcode nicht.

An dieser Stelle überlassen wir dann lieber  dem Labelmacher das Wort, um das Konzept zu erklären:

Dekonstruktion war noch nie eine Theorie, welche Sinn definiert, um Anweisungen zu geben. Vielmehr wirkt sie als kritische Aufhebung der hierarchischen Gegensätze, von denen Theorien abhängen, und zeigt die Schwierigkeiten jeder Theorie auf, die Sinn eindeutig definieren möchte: als Intention, als determiniert durch Konventionen, als Erfahrung.“ , soweit die Lehre. Nun zur Praxis. Action Beat - The Noise Band From Bletchley, im Grunde mehr als eine reine Band, ein Kollektiv, was man ebenfalls hört und live natürlich spürt, haben ihr neustes, fünftes Album genau nach der Frage benannt, die sie immer und immer wieder seid 10 Jahren bei der Suche nach Shows zu hören bekommen. Dabei sollte sich ihr, von bis zu vier Gitarren, einem Bassisten und vier Schlagzeugern gespielter, mit ungestümer Inbrunst vorgetragener LoFi-Gitarren-Noise und ihre Show Qualitäten doch bis zum letzten Booker vorgedrungen sein. Getrieben von der puren Lust an der Improvisation lärmen sich die Jungs durch 30 Jahre Noiserock. Genau ihren Ansatz der Dekonstruktion beherrschen sie in Perfektion. In ihrem Sound rückt das unscheinbare, nebensächliche in den Vordergrund und fordert zur Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Wahrnehmung. Das Konstrukt des sich ständig änderten Kollektives, welches ihrem Bandsein zugrunde liegt, führt somit auch zur Selbstdestruktion und Infragestellung des eigenen Schaffens und genau deswegen macht es Spaß, Action Beat zu hören.“

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